Programm

 

SPACE IS THE PLACE
USA 1974. Regie: JOHN CONEY.
Mit Barbara Deloney, Sun Ra, Ray Johnson, Erika Leder, Sinthia Ayala.
HD Digital. 85 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Der avantgardistische Jazzkomponist und Jazzmusiker Sun Ra galt schon zu Lebzeiten als einer der umstrittensten Jazzmusiker. Er schrieb den Soundtrack zu dem Afrofuturismus-Science-Fiction Film SPACE IS THE PLACE und war auch am Drehbuch beteiligt. Der Film ist aber nicht lediglich eine avantgardistisch-künstlerische Spielerei. Er ist auch ein klarer Kommentar zur Situation der Afroamerikaner in den USA. SPACE IS THE PLACE ist in vielerleih Hinsicht ein einzigartiger Film: Die originale (und wohl einzige) 35mm-Kopie ist ein fragiles Unikat. Sie wurde in behutsamer Feinarbeit gänzlich neu abgetastet und löst wieder Kinogefühle aus. Es knistert und rauscht mit analogem Herzhunger. Durch die Digitalisierung wurde der Film gleichzeitig vor der langsamen physischen Auflösung seines analogen Originals bewahrt und kann wieder im Kino gezeigt werden.
Letzte Vorstellung am Sonntag, 30.7. um 11.00 h (Matinee)
 
 
 
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DAS WILDE FILMTRAILER-ABC # 2
„Ein guter Trailer ist oft spannender als jeder Film: Alle Höhepunkte in zwei Minuten – welcher Film soll da noch mithalten. Manchmal träume ich von einem Abend, an dem nur Trailer gezeigt werden, einer nach dem anderen, früher soll es das in Spezialistenkinos gegeben haben. Nie ein langer Film. Immer nur zwei Minuten lange Minidramen, Minikomödien, Miniabenteuer, ultrahocherhitzt. Perfekter Abend.“ (Max Fellmann, SZ-Magazin 36/2013)
Eine Achterbahnfahrt durch die Filmgeschichte und alle Filme beginnen diesmal mit dem Buchstaben B. 43 Trailer von 1955 bis 2002. Abendfüllend! Es knistert, rauscht und knackt, das Bild verkratzt, die Farben laufen aus oder erstrahlen in schönstem Technicolor. Ein Fest für Augen und Ohren. Alles analog, alles 35mm! Ein wahrhaft umwerfendes Kinoerlebnis aus dem Archiv des Werkstattkinos.
Samstag, 12.8. um 17.30 h
 

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DIE NEUE NATIONALGALERIE
D 2017. Regie: INA WEISSE.
HD Digital. 50 Min.
Dokumentation über Mies van der Rohes Jahrhundertbauwerk im Herzen Berlins und seine Geschichte.
Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist ein Jahrhundertbauwerk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. 1968 wurde sie kurz nach seinem Tod eröffnet. Fast fünfzig Jahre später begab sich die Regisseurin Ina Weisse auf eine Spurensuche in die Tage der Erbauung jenes einzigartigen Bauwerks. Sie ist die Tochter des Architekten Rolf Weisse, der seinerzeit im Büro von Mies van der Rohe in Chicago arbeitete. In zahlreichen Interviews mit ihrem Vater Rolf Weisse, Mies van der Rohes Enkel Dirk Lohan, dem mit der Sanierung beauftragten Architekten David Chipperfield und vielen anderen Persönlichkeiten geht Ina Weisse der Frage nach, wie die Neue Nationalgalerie damals entstanden ist und was für eine Weltanschauung in Mies van der Rohes Gebäude zum Ausdruck kommt. Neben Ina Weisses Interviews und spektakulären Filmaufnahmen vom Auszug des Museums aus seinem Gebäude enthält der Film auch bislang unveröffentlichte Filmaufnahmen aus den 1960er Jahren, die Rolf Weisse damals im Büro von Mies van der Rohe drehte.
Zusatzvorstellung am Sonntag, 6.8. um 11.00 h (Matinee)
 

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KEEPER
Belgien 2015. Regie: GUILLAUME SENEZ. Mit Kacey Mottet Klein, Galatea Bellugi, Laetitia Dosch.
HD Digital. 91 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Erstaufführung.
Die Liebesbeziehung zweier 15-Jähriger wird einer extremen Belastungsprobe ausgesetzt, als das Mädchen schwanger wird. Nachdem der Junge, ein begabter Fußballtorwart, seinen Schock überwunden hat, will er das Kind unbedingt bekommen. Auch seine Freundin lenkt ein, obwohl ihre Mutter energisch für eine Abtreibung plädiert, und gemeinsamen träumen die beiden von einer Zukunft zu dritt. Der spielerisch leichte und doch ernsthafte Film vermeidet alles Thesenhafte und erforscht mit subjektiver Kamera und zahlreichen langen Einstellungen die turbulente Gefühlswelt authentisch wirkender Jugendlicher. Statt zu erklären, zeigt er dabei inszenatorisch subtil, wie es ist, jung zu sein und erwachsen handeln zu müssen. (Filmdienst)
20. – 26.7. um 20.30 h
Zusatzvorstellung am Freitag, 11.8. um 18.00 h
 
 
 
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CLOCLO UND ICH

QUAND J'ÉTAIS CLOCLO). Schweiz 2017. Regie: STEFANO KNUCHEL.
HD Digital. 105 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Erstaufführung.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Was ist 395 Jahre alt und hat Alkoholismus, Gefängnis, Drogen, Betrügereien und Depressionen überlebt? Meine Familie! Mein Vater war ein Gauner, und ich verbrachte meine Kindheit auf der Flucht vor der Polizei – bis er verhaftet wurde. Die Quittung für diese vergnüglichen Jahre hat uns das Leben erst später präsentiert. Meine vier Geschwister sind abgestürzt, meine Mutter hat die Scheidung eingereicht, und darauf ist mein Vater gestorben. Überraschenderweise ist er nach 15 Jahren wieder auferstanden. In diesem Moment habe ich mich daran erinnert, wie schön das Leben war, als ich Cloclo war. (Stefano Knuchel)

Autobiografische Rekapitulation der spannenden Kindheitsgeschichte des Schweizer Moderators und Filmemachers Stefano Knuchel. (Filmdienst)
Montag, 24.7. um 18.15 h und Montag, 14.8. um 17.45 h

 

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DARK BLOOD
USA/Großbritannien/Niederlande 2012. Regie: GEORGE SLUIZER. Mit River Phoenix, Judy Davis, Jonathan Pryce, Karen Black.
HD Digital. 86 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Erstaufführung.
Ein Schauspieler-Ehepaar durchquert auf der Suche nach einer Erneuerung seiner Beziehung die von Atomwaffentests verstrahlte Wüste in Nevada. Dabei stößt es auf einen jungen Indianer, dessen Frau an Krebs gestorben ist und der auf das Ende der Welt wartet. Die Begegnung entwickelt sich zum „Backwood“-Horrorfilm, der zugleich als eine Art Neo-Western die Unheilgeschichte der USA reflektiert. Der 1993 durch den Tod von River Phoenix unvollständig gebliebene Film wurde 2012 von Regisseur George Sluizer fertiggestellt, der nichtgedrehte Szenen aus dem Off einspricht. (Filmdienst)                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Sonntag, 23.7. um 16.00 h
30. – 31.7. um 18.30 h                                                                                                                                                                                                                                                                                            Sonntag, 13.8. um 11.00 h (Matinee)

 
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MACABRO – DIE KÜSSE DER JANE BAXTER
(MACABRO). USA/Italien 1980. Regie: LAMBERTO BAVA. Mit Bernice Stegers, Stanko Molnar, Veronica Zinny.
HD Digital. 91 Min. Englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Die aus einer Nervenklinik entlassene Frau eines vermögenden Managers erlebt mit dem mumifizierten Kopf ihres toten Liebhabers erotische Stunden, bis ihr Geheimnis entdeckt wird.
Dieser ruhige, aber voller extrem makabrer Einfälle und Abartigkeiten steckende Streifen ist ein kleines Juwel des psychologischen Horrorkinos. (filmtipps.at)
20. – 21.7. und 23.7. um 22.30 h
 
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BLASTFIGHTER
Italien 1984. Regie: LAMBERTO BAVA. Mit Michael Sopkiw, Valerie Blake, George Eastman.
HD Digital. 89 Min. Deutsche Fassung.
Ein ehemaliger Polizist, der Rache an einem korrupten Pollitiker nehmen will, gerät in einen blutigen Krieg mit einer Bande von Wilddieben. Rächerfilm mit üblicher "Moral". (Filmdienst)

Blastfighter verknüpft die aus US-Filmen wie Rambo bekannte Melancholie über verlorene Maskulinität mit der unbeirrten Virilität europäischer Genrefilme der späten 70er und frühen 80er. (critic.de)

24. – 26.7. um 22.30 h

 

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DIE FILME VON JOÃO PEDRO RODRIGUES
„João Pedro Rodrigues ist ein freier Radikaler des Weltkinos. Seine Filme sind autark, wild, sexy und kümmern sich wenig um ein Phantom namens Realismus. […] Jeder der drei langen Spielfilme hat etwas Delirierendes. Seine Erzählungen und seine Figuren sind ganz im Gegensatz zu seinen Bildern eben nicht kontrolliert, sondern durch und durch unbändig und maßlos. Sie entziehen sich gängigen rationalen und psychologischen Erklärungsmustern mit einer Vehemenz, die ihresgleichen sucht.“ (Sascha Westphal)
„Die Kühnheit seiner Filme weist ihn als Autorenfilmer aus. In Parallelwelten voller Fetische und angetrieben vom gewaltigen Begehren der Figuren erzählen sie in elliptischen Sprüngen von Verwandlungen, polymorpher Liebe und driftenden Identitäten. Trotz seiner stilisierten
Künstlichkeit ist Rodrigues’ Werk in der Realität verankert.“ (Arsenal, Berlin)
 
DER ORNITHOLOGE
(O ORNITÓLOGO) 
Portugal/Frankreich/Brasilien 2016. Regie: JOAO PEDRO RODRIGUES.
Mit Joao Figueiras, Diogo Varela Silva, Vincent Wang.
HD Digital. 118 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Erstaufführung.
João Pedro Rodrigues, der seit seinem kühnen Debütfilm O FANTASMA (2000) zu den wichtigsten Regisseuren Portugals und den aufregendsten Auteurs des queeren Kinos zählt, hat mehrfach betont, dass DER ORNITHOLOGE sein bislang persönlichster Film ist. Fernandos Odyssee durch eine betörend surreale Dschungelwelt ist zugleich eine zeitgemäße und höchst intime Interpretation der Legende des Heiligen Antonius, dem
portugiesischen Landesheiligen. Ein Film wie ein Traum von Tod, Auferstehung und Märtyrertum, der sexuelle und spirituelle Grenzen auflöst und die Hauptfigur an das Ende einer Suche führt, die schon lange vor der Kajakfahrt begonnen hat. Bei den Filmfestspielen in Locarno wurde DER ORNITHOLOGE als Meisterwerk gefeiert und Rodrigues mit den Silbernen Leoparden für die Beste Regie ausgezeichnet.
„Die Geschichte einer Verwandlung, die in sich die Zeichen einer Revolution trägt.“ (Cahiers du Cinema)
„Eine herrlich blasphemische Heiligengeschichte!“ (Variety)
Sonntag, 23.7. um 18.00 h
Donnerstag, 27.7. um 20.00 h
Sonntag, 6.8. um 18.00 h
 
 
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O FANTASMA
Portugal 2000. Regie: JOÃO PEDRO RODRIGUES.
Mit Ricardo Meneses, Beatriz Torcato, Andre Barbosa.
HD Digital. 90 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
„Ein junger Mann, der bei der Lissaboner Müllabfuhr arbeitet, wird von einer unersättlichen Lust nach Sex und anonymen Begegnungen mit Männern umgetrieben. Eines Nachts wird er mit der Inkarnation seiner geheimsten Wünsche konfrontiert. Mit Laiendarstellern realisierter Film, der die rauschhafte Subjektivität seiner Hauptfigur mit den gesellschaftlichen Realitäten einer von starken sozialen Gegensätzen geprägten
Stadt konfrontiert und die nächtlichen Müllhalden Lissabons zum Schauplatz des Geschehens macht.“ (Filmdienst)
„Rodrigues’ wortkarger Debütfilm erzählt in fiebrigen Bildern von unersättlichem Begehren und einer Metamorphose in eine triebgesteuerte, animalische Existenz.“ (Arsenal, Berlin)
Freitag, 28.7. und Samstag, 29.7. um 20.30 h
 
 
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TWO DRIFTERS
(ODETE) 
Portugal 2005. Regie: JOÃO PEDRO RODRIGUES.
Mit Ana Cristina de Oliveira, Nuno Gil, João Carreira.
Digital. 97 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
„Zwei Tagträumer, verloren in einer Geschichte von Liebe, Besessenheit und Tod, verfolgt vom Geist ihrer Begierden.“ (João Pedro Rodrigues)
„Hitchcocks VERTIGO und Bergmans PERSONA, verstörende Studien über Identität und Obsession, standen Pate für dieses Melodram, das sensationell maßlos über sein Ziel hinausschießt und dessen delirierendem, absurden Charme man sich nicht entziehen kann.“ (Pro-Fun)
Sonntag, 30.7. und Montag, 31.7. um 20.30 h
 
 
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TO DIE LIKE A MAN
(MORRER COMO UN HOMEM)
Portugal/Frankreich 2009. Regie: JOÃO PEDRO RODRIGUES.
Mit Fernando Santos, Alexander David, Chandra Malatitch.
HD Digital. 128 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
„Ein Travestie-Star, körperlich krank, innerlich zerrissen, ob er/sie eine Geschlechtsumwandlung vornehmen soll, und beruflich auf dem absteigenden Ast, kämpft gegen den eigenen Untergang an. Der Film entwirft das Porträt eines Menschen, der abseits normierter sexueller und sozialer Normen mit seiner Abhängigkeit von individuellen wie gesellschaftlichen Zwängen sowie der Hinfälligkeit seines Körpers kämpft. Dabei verdichtet er sich zu einer in lyrischem Rhythmus erzählten, mit Verfremdungen, Irritationen und ins Surreale spielenden Etüde zwischen Realismus und Märchen, Melodram und Tragödie.“ (Filmdienst)
Dienstag, 1.8. und Mittwoch, 2.8. um 20.00 h
 
 
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BUNCH OF KUNST
Deutschland 2017. Regie: CHRISTINE FRANZ.
HD Digital. 107 Min. Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Erstaufführung.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Musikdokumentation über die Post-Punk-Band Sleaford Mods aus Nottingham, die mit Live-Acts und klassenbewussten, höchst aggressiven Rap- und HipHop-Songs für Furore sorgen, wobei sich in ihrer Musik Wut und Frustration prekärer Daseinsverhältnisse über Ausbeutung, miese Jobs und staatlich verwaltete Misere spiegeln. Der außergewöhnliche Film begleitete das Duo und seinen Manager zwei Jahre lang und macht hinter den „zornigen älteren“ Männern gestandene Künstler sichtbar, die sich mit viel Humor und Selbstironie gegen den Größenwahn der Musikindustrie zur Wehr setzen. (Filmdienst)
27. – 28.7. und 30.7. – 2.8. um 22.30 h

 

 

 
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Im Rahmen der 65. Münchner Filmkunstwochen
LATE NIGHT FILM LECTURE, VOL. 2
Traum & Exzess: Die Filme von Arthur Hiller | Eine Film-Lecture mit Rainer Knepperges (Filmkritiker, Köln)

Arthur Hiller (1923 – 2016), kanadischer Regisseur, Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, war so erfolgreich in Hollywood wie kaum ein anderer
seiner Generation. Vom Live-TV-Drama hatte er gelernt, Drehpläne einzuhalten, Budgets zu unterschreiten – und dabei dennoch den Darstellern wohlige Freiheit einzuräumen. Sein Grundthema galt der elementaren Einsamkeit von Menschen, die aus der Bahn geworfen werden. Gezeigt werden in kommentierten Ausschnitten Arthur Hillers lebenslange Studien über das Aneinandergeraten und Verrücktwerden.
Samstag, 29.7. um 22.30 h
 
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DEMNÄCHST:
 
IM INNEREN KREIS
 
 
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EINFACH LEBEN
 
 
 
 
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GEORGE A. ROMERO: POET DER UNTOTEN – FILMREIHE

 

3. – 9.8. um 22.30 h

 

MEISTER DER ZOMBIES

Der Film beginnt auf einem Friedhof, ausgerechnet. Zwei Geschwister besuchen das Grab ihrer Mutter, und noch während die Schwester betend vor dem Grab kniet, nähert sich ein Mann im schwarzen Anzug. Der Friedhof liegt einsam, es gewittert, der Bruder macht Gespensterwitze. Schlechtes Timing: Grundlos greift der Fremde an, tötet ihn und will die Schwester beißen.

Logisch, Zombie, würde heute jeder sagen, aber als George A. Romero seinen Film „Night of the Living Dead“ 1968 ins Kino brachte, war der Zombie so unbekannt, dass die zeitgenössischen Kritiken von „Ghoul“ sprachen. Romero hat den Zombie in seiner gegenwärtigen Form erst erfunden, und er hat ihm in seiner legendären „Zombie-Trilogie“ eine Entwicklung gegeben, von der bis heute jeder Horrorfilm-Regisseur profitiert.

Night of the Living Dead“ begann als Zeitvertreib. Romero drehte Werbespots in Pittsburgh und hätte gerne einen eigenen Film gemacht. Aber wenn man das in Pittsburgh äußert, bekommt man „einen Schlag auf den Kopf und eine Zwangsjacke“, so Romero. Er hatte Richard Mathesons Science-Fiction „I Am Legend“ gelesen, eine Mischung aus Seuchen- und Vampirroman, und die Idee der Untoten gefiel ihm. Also wurde gemeinsam mit drei Freunden der Plan gefasst, privates Geld zu investieren und den gesamten Bekanntenkreis für so einen Film einzusetzen. Zehn Freunde gaben jeweils 600 Dollar, das Projekt nahm Form an, die Produktionsfirma 'Latent Image' stieg ein. Trotzdem dauerte es sieben Monate, bis Romero fertig war, da der Bekanntenkreis auch als Schauspieler agieren musste, und das hieß: Drehen nur nach der Arbeit.

Inzwischen ist dieses erste Werk von Romero in der Filmsammlung des Museum of Modern Art. Es war der Anfang von allem. Die blutverschmierten Zombies, ihr Hunger auf das Fleisch lebender Menschen, so etwas ins Bild zu setzen war eine Sache. Die andere war die Gesellschaftskritik, die dem Film nicht sonderlich unterschwellig eingeschrieben ist. Vietnamprotest findet sich darin, Anprangerung von Rassismus, die Auflehnung gegen bisher geheiligte Familienwerte. Romero lässt den durchschnittlichen amerikanischen Bürger auf die Zombies antworten, und der kennt keine Differenzierung zwischen schwarz oder weiß, infiziert oder gesund, sobald er sich auf der richtigen Seite bei der richtigen Aufgabe wähnt. Die viele Toten am Ende des Films sind keinesfalls bloß Opfer der Zombies.

Romero wurde nicht nur von der NY-Times für sein „grainy little movie made by some people in Pittsburgh“ harsch kritisiert. Aber der Erfolg von „Night of the Living Dead“ in den Drive-In-Kinos und Mitternachtsvorstellungen war nicht zu bremsen. Romero konnte drei weitere Filme drehen, die zwar alle untergingen, aber zumindest der letzte, „The Crazies“, behandelte wieder ein ähnliches Thema: versehentlich wird eine Kleinstadt mit einer Biowaffe verseucht. Die einzige Person, die immun dagegen ist und damit die Rettung in sich trägt, wird auch hier gejagt und getötet, diesmal allerdings zeigt Romero die Täter gleich als Soldaten der Army.

Danach befasste er sich konsequent mit den Zombies, und immer gab er seinen Filmen einen politischen Mehrwert. „Dawn of the Dead“ von 1979, bis heute der beste Film im gesamten Zombie-Kanon, nimmt den Kapitalismus unter Feuer: Zombies belagern eine kleine Gruppe Menschen in einem Einkaufszentrum, Lebende wie Untote werden ständig mit dem Ort des exzessiven Konsums konfrontiert, den sie jetzt nach ganz anderen Kriterien beurteilen müssen. Zudem zeigt „Dawn of the Dead“ einen Quantensprung des Horrorgenres, denn zu den vielen wegweisenden Ideen Romeros gehörte auch die, seinen alten Bekannten Tom Savini zu engagieren, um den Zombies schön entstellte Gesichter zu geben. Savini, inspiriert durch seine Zeit als Kriegsfotograf in Vietnam, begann hier seine Karriere als SFX-Künstler. Seine Zombies waren bedrohlich, ekelhaft, und katapultierten „Dawn of the Dead“ ins Splatter-Genre. Romero dankte ihm mit dem gewagten Schritt, den Film ohne Freigabe der MPAA zu verleihen. Nicht nur die Make-Up- und SFX-Branche war revolutioniert, auch das Independent Kino bekam so einen ersten immens erfolgreichen Film ins Repertoire.

Romero blieb dem Genre treu, kehrte aber vorerst nur noch einmal, 1985 mit „Day of the Dead“, zu den Zombies zurück. Sonst verfilmte er 1982 „Creepshow“ von Stephen King, eine Sammlung von kurzen Geschichten, die den E.C. Horror-Comics der 1950er Jahre nachempfunden waren. Er drehte 1990 „Two Evil Eyes“, einen weiteren Episodenfilm, mit dem italienischen Kultregisseur Dario Argento. Allein die Verbindung dieser beiden Giganten ließ das Publikum vor Ehrfurcht erbeben. Erst 2005, da war Romero 65, setzte er seine Zombieserie noch einmal fort. In schneller Folge entstanden drei Filme, dokumentarisch im Stil, inhaltlich beinahe mit einer Sympathie für die Untoten verbunden, die darin die Welt allmählich komplett in Besitz nehmen. Denn die Lebenden sind, da ist Romero immer konsequent, sich selbst die größeren Feinde.

Wenn man die 15 Filme Romeros anschaut, hat die Menschheit zwischen 1968 und heute nichts gelernt. Die Filmindustrie allerdings schon, was in vielen Fällen ihm zu verdanken ist. Das Horrorgenre wäre ohne Romero nicht das, was wir kennen und lieben, weder visuell noch in der Rezeption. Romeros Filme waren mehr als inspirierter Trash, sie zeigten Zombies als soziopolitische Erscheinung, als Produkte der Gesellschaft, aus der sie stammten. Romeros Zombies gaben der Popkultur ein neues Thema und uns allen eine neue Zukunftsvision. Sie eroberten Filmhochschulen und Festivals und die Herzen der Cinéasten wie der Nerds. Zweifellos werden sie weiter durch die Welt torkeln – aber nun ohne ihren großen Meister. George A. Romero ist am Sonntag in Toronto 77-jährig an Lungenkrebs gestorben.

DORIS KUHN

 

 

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Charlie Chaplins Rede an die Menschheit aus dem Film DER GROSSE DIKTATOR (1940):